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Wenn in der kalten Jahreszeit Schneestürme über unsere
Bergwelt fegen und wenn wir uns am liebsten in eine warme Stube zurückziehen,
kann man sich nur schwer vorstellen, dass am wahrscheinlich unwirtlichsten
aller Orte munteres Leben herrscht. Wenn sich Warmblüter im Winter nur
mit einem dicken Fell (oder einer warmen Jacke) auf die Alpengletscher
wagen, turnt der Gletscherfloh im Innern der Schnee- und Eismassen herum.
Während andere Insekten oder Spinnen unter solch schwierigen Umständen
sofort erstarren würden, hat es der Gletscherfloh (Isotoma saltans) in
seiner Entwicklungsgeschichte geschafft, sich an seinen Lebensraum, den
Gletscher, perfekt anzupassen.
Der nur gerade 1.5 mm grosse Gletscherfloh (Bild) gehört zu den Springschwänzen
(Collembolen), die ihrer-seits zu den Ur-Insekten gehören. Wie alle Insekten
besitzt er drei Beinpaare, die am mittleren von drei Körpersegmenten angebracht
sind. Als zusätzliches Fortbewegungsorgan verfügt er wie alle Springschwänze
über einen Sprungapparat, den er mit einem Hebelmechanismus mit Hilfe
eines besonders starken Muskels vorschnellen lassen kann.
Dank seiner tiefschwarzen, manchmal bläulich schimmernden Körperfarbe
ist er auf weissen Firnflächen leicht auszumachen, zumal er gelegentlich
gleichzeitig mit tausenden anderen Exemplaren an die Oberfläche tritt
und den Schnee geradezu schmutzig erscheinen lässt. Dies geschieht meist
dann, wenn sein Lebensraum im Innern der porösen Firn- oder Eisdecke mit
Schmelzwasser durchnässt ist. Die plötzlich auftretenden Wassermassen
sind die grösste Gefahr während den warmen Sommermonaten; sie drohen ihn
zu ertränken, oder fortzuspülen. Dabei kommt dem Gletscherfloh sein Sprungorgan
zugute, das ihn bei überraschendem Mitreissen aus seiner Notlage befreien
kann. Ausserdem putzt sich der Gletscherfloh regelmässig und überzieht
dabei seinen Körper mit einer öligen, wasserabweisenden Substanz. Diese
ermöglicht ihm dank einer mitgerissenen Luftblase für längere Zeit unter
dem Wasser zu atmen, auf einer ruhigen Wasseroberfläche obenauf zu schwimmen
oder von dieser gar wieder abzuspringen. Die dunkle Körperfarbe und die
damit verbundene Erwärmung der Körperoberfläche bei Sonnenschein hindert
ausserdem das Schmelzwasser vor dem Wiedergefrieren und dem Tod durch
Einschluss in kompaktes Eis.
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Viel lieber als warmes Tauwetter sind dem Gletscherfloh
die kalten Wintermonate, wenn er sich in der Schwimmschneeschicht zwischen
Gletschereis und Schneedecke aufhält. Auf die Kälte ist er bestens eingestellt:
Seine Körperflüssigkeit enthält diverse Zuckerarten, die den Gefrierpunkt
wie eine Art Frostschutz stark erniedrigen. Bei starker Kälte wird der
Magen entleert, damit sich an den Feststoffen kein Eiskristallwachstum
einstellen kann. Spezielle Proteine vervollkommnen seine Kälteanpassung,
indem entstehende Eiskristallkeime sofort eingepackt werden und das Kristallwachstum
sofort gestoppt wird. Mit diesen Schutzmechanismen ist es dem Gletscherfloh
möglich, Temperaturen bis -16°C in aktivem! Zustand zu überdauern; in
Ausnahmefällen und langsamer Anpassung überlebt er aber sogar Temperaturen
bis unter -25°C. Die Vorzugstemperatur liegt aber um den Nullpunkt - dem
Temperaturbereich, der sich im Winter unter der dicken Schneeschicht einstellt.
Wenn man bedenkt, dass bei Insekten die Körpertemperatur etwa der Umgebungstemperatur
entspricht, ist die enorme Kälteunempfindlichkeit wahrlich eine Höchstleistung.
Mit den ausgeglichenen Temperaturen (dank des isolierenden Schnees) und
der nicht vorhandenen Schmelzwassereinbrüche fühlt sich das kleine Insekt
im Winter am wohlsten und ist in dieser Jahreszeit am aktivsten. Auch
die orangen Eier werden im Winter in Eis und Schnee abgelegt. Die Embryonalentwicklung
vollzieht sich auch noch bei sehr tiefen Temperaturen, dauert mit abnehmender
Temperatur aber entsprechend länger. Die Nahrungsaufnahme birgt zu keiner
Jahreszeit Probleme, da seine hauptsächliche Nahrung, angewehtes Kryonit
(Gemisch aus Nadelholzpollen, Erdstaub und anderen organischen und mineralischen
Bestandteilen), im Eis in grossen Mengen gespeichert wird. Auch wenn die
„Hauptsaison“ für den Gletscherfloh im Winter stattfindet, müssen wir
uns wohl noch bis in den Spätsommer etwas gedulden, bis wir auf den ausgeaperten
Gletschern die kleinen Überlebenskünstler wieder antreffen können.
Niklaus Künzle
Quellen:
- Cold-Adapted Organisms – Ecology, Physiology,
Enzymology and Molecular Biology, 197, 1999.
- Entomol. Gener. 17 (3), 161, 1992.
- Zool. Jb. 115, 405, 1988.
- Entomol. Gener. 5 (1), 35, 1978.
- Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins
70, 138, 1939.
- E. Handschin, Die Collembolenfauna des
Schweizerischen Nationalparks, 1924.
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